Buchtipp

Valery Tscheplanova | Rowohlt, 2023

Lassen Sie sich nicht von diesem Titel verunsichern: Das Pferd spielt in diesem Buch nur eine marginale Rolle.

Das wohl stark autofictionale Buch der Autorin über ihre Familiengeschichte handelt von den Frauen der Familie. Männer spielen eine untergeordnete Rolle. Vor und nach dem Zerfall der Sowjetunion halten sie alles am Laufen und zusammen. Sie wissen tröstlich, dass es immer irgendwie weitergeht und krempeln unverdrossen die Ärmel hoch.

Ein grossartig erzähltes, poetisches Buch über den Mut der Schicksalsergebenheit und die Akzeptanz der Realität.

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Jarka Kubsova | S. Fischer, 2023

Eine Frau bewirschaftet einen Hof selber? Das ist im 16. Jahrhundert nur schwer zu verstehen. Sie will auch keinen Mann heiraten, sie hat ihr Herz heimlich vergeben. Sie heisst Abelke Bleken und sie trotzt den Umständen und allen Schwierigkeiten.
Auch Britta ist neulich in die Marschlande nördlich von Hamburg gezogen. Sie findet ein Strassenschild mit dem Namen Abelke Bleken und beginnt zu recherchieren und ihr eigenes Leben kritisch zu betrachten. Sie erfährt dabei mehr über das grosse Unglück, das Abelke widerfahren ist, nur weil diese selbstbestimmt leben wollte.

Ein anrührendes, stimmiges, aber auch beängstigendes Herbstbuch über zwei Frauenleben, die durchaus Parallelen haben und meisterlich verknüpft werden. Dieser Roman hallt lange nach. Wunderbar!

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Emily St. John Mandel | Ullstein, 2023

Wenn wir annehmen, es gäbe eine Zeitmaschine, wären wir dann nicht moralisch verpflichtet, den Menschen früherer Zeiten zu helfen? Auch wenn wir wissen, dass durch das Eindringen in eine solche Zeitschleife alles drunter und drüber gehen kann?

In dieses fantastische Buch muss man sich einlesen. Es gibt viele Perspektivenwechsel, Zeitkulissen und Personen, dazu Sinnestäuschungen und offene, philosophische Fragen. Aber dann staunt man über dieses kluge und elegante Buch einer enorm geistreichen kanadischen Autorin. Ein Lesegenuss abseits gewöhnlicher Pfade.

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Castle Freeman / Hanser, 2023

Die durchwegs schmalen Bücher des Autors spielen immer in der derselben öden Kleinstadt in Vermont. Hier lebt die junge Lucy, die sich nicht immer in den Richtigen verliebt. Aber es ist schon von Anfang an klar, dass die Geschichte ein gutes Ende nimmt.

Wie immer dominieren witzige, schöne Dialoge unter dem Personal des Romans. Die Bandbreite der menschlichen Stimmungen reicht von patzig und pampig bis zu liebevoll und anteilnehmend. Wer also Dialoge mit Pingpongcharakter mag, liest hier richtig.

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Dennis Lehane / Diogenes, 2023

Die Irin Mary Pet Fennessy lebt 1974 mit ihrer fast erwachsenen Tochter Jules glücklos und in ärmlichen Verhältnissen im von Weissen besiedelten Gebiet von Bosten. Jules hängt oft mit ihren Freunden rum und verschwindet eines Tages spurlos. Die Mutter begibt sich durchaus gewaltbereit auf deren Suche. Während dieser „Tour de Force“ muss sie erleben, wie ihr Hass andere und sie selbst bedroht, da Jules des Mordes an einem Schwarzen beschuldigt wird.

Es ist ein spannender und erschreckender Pageturner, der Rassismus in einem anderen Licht erscheinen lässt. Lesen!

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Elfi Conrad / Mikrotext, 2023

Ich war 17 und ich war eine Frau. Mit diesem Paukenschlag von einem Satz beginnt der Roman.

Es geht um eine junge Frau in den frühen 1960er Jahren in Westdeutschland. Patriarchalische Rollenbilder dominieren. Es herrscht Konservatismus, Fremdenfeindlichkeit und sexuelle Unterdrückung. Diese junge Frau rebelliert gegen die sozialen Verhältnisse in dieser Gesellschaft.

Es ist ein herausragender Roman über Klassen- und Geschlechtergrenzen. Auch „MeToo“ mal anders herum. Die Situation der Generation der Mütter und Grossmütter wird wieder lebendig. Sehr erhellend!

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